Sonntag, 18. September 2011

Fertig ist noch lange nicht fertig: Überarbeiten

Wenn man das letzte Wort eines Romans geschrieben und den letzten Punkt dahinter gesetzt hat, wiegt man sich als Autor gerne in der Illusion, dass der Text nun fertig wäre. Diese kuschelige Phase dauert meistens so lange, bis man eine Mail vom Lektorat bekommt, den Anhang öffnet, "view comments" anklickt und feststellt, dass man noch lange nicht durch ist mit dem Text. Natürlich wusste man genau, dass er alles andere als fertig ist, viele seiner Schwächen kennt man ganz genau, man hat das aber verdrängt, so lange es ging. Geht aber jetzt nicht mehr.

Jetzt beginnt die Überarbeitungsphase, die sich bei mir dadurch auszeichnet, dass ich den Rechner einschalte, mich davor setze und mir drei Folgen meiner Lieblings- Sitcom hintereinander ansehe. Währenddessen habe ich die ganze Zeit das Gefühl, dass jemand hinter mir steht und mir in regelmäßigen Abständen auf den Scheitel tippt. Nach einer Weile nervt dieses Gestupse mich dermaßen, dass ich es nicht länger ignorieren kann. Ich will aber noch nicht anfangen. Auf keinen Fall. Jedenfalls nicht sofort. Denn das würde bedeuten, dass ich meinen schönen, fertigen Text zerpflücken müsste wie eine Scheibe Toast. Das kann ich nicht. Unmöglich.

Ich weiss aber, dass ich nicht drumherum komme, meine Geschichte zu überabeiten, weil sie danach viel, viel besser sein wird als vorher. Also muss ich mich reinlegen. Ich sage mir, dass ich keinewegs mit dem Überarbeiten anfange, aber ich könnte schonmal ein neues Dokument anlegen, in das ich den Roman ins einem aktuellen Zustand hineinkopiere. Mit dem Autorenprogramm Scrivener geht das ganz toll, weil ich die Kapitel als getrennte Dokumente anlegen, aber jederzeit auf jedes Kapitel zugreifen kann. Aber ich überarbeite nicht, nein!

Aber wenn ich schon mal dabei bin, könnte ich ja wenigstens die fraglichen Stellen markieren. Mit Pink, damit sie mir ins Augen springen und sich darin festkrallen, wann immer ich mein Dokument öffne. Das ist alles nur Vorbereitung, sage ich mir, und hat absolut nichts mit Überarbeiten zu tun. Jetzt bin ich aber gerade im Text drin, also schreibe ich mir auf, was ich ändern will, damit ich am nächsten Tag nicht von vorne anfangen muss. Dafür gibt es in Scrivener eine Spalte am rechten Rand jedes Kapitel, in die ich stichpunktartig hinein schreibe, was ich ändern möchte. Den Text selbst lasse ich, wie er ist, denn wenn ich erst damit anfange, wird daraus ein Trümmerhaufen aus Wörtern. Und diese Vorstellung ist furchtbar.

Also erstmal einen Blogbeitrag schreiben. Übers Überarbeiten. Und inzwischen hat sich eine neue Folge der Lieblings-Sitcom runtergeladen, die muss ich noch schnell ansehen. Und danach wird es keine Ausreden mehr geben. Dann werde ich das Messer nehmen und meinen Text aufschneiden, ihm das Fett absaugen, ihn straffen und liften, bis er perfekt ist. Und wenn ich mit ihm fertig bin, wird man keine Narben sehen, er wird so wunderbar glatt sein wie zuvor. Nur besser.

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