Sonntag, 5. Juni 2011

Nennt mich George

Als ich zehn war, hatte ich eine Hörspielkassette von "Moby Dick", die ich immer und immer wieder hörte, ohne dass sie mir jemals langweilig geworden wäre. Und heute noch überläuft mich ein Schauer, wenn ich an den ersten Satz denke: "Nennt mich Ismael".
Abgesehen davon, dass Mr. Melville hier ganz locker einen der besten Romananfänge aller Zeiten hinlegt, hat es mir der Name Ismael stets angetan. Ich hatte sofort eine Vostellung von diesem Ismael, ohne genau zu wissen, wie er aussehen sollte. Eher eine Vorstellung davon, was für ein Typ er war. Ein Ismael eben (umso mehr, da er sich diesen Namen womöglich selbst gegeben hat).

Zur Zeit bin ich dabei, eine neue Geschichte auszutüfteln, und nicht zum ersten Mal stelle ich fest, dass ich, bevor ich damit anfangen kann, wissen muss, wie meine Leute heissen. Es soll Autoren geben, die erst den ganzen Roman schreiben und dann mit "suchen und ersetzen" die richtigen Namen für ihre Figuren eingeben - ich kann das nicht, weil ich glaube, dass es für jede Figur nur einen möglichen Namen gibt.

Manchmal irre ich mich und wundere mich, weshalb eine Figur so steif durch meine Handlung stakst wie ein Wäscheklammermännchen, bis mir klar wird, dass sie den falschen Namen trägt. Und dann kann ich so lange nicht weiterschreiben, bis ich ihn habe, DEN Namen.

Ich frage mich, was passiert wäre, wenn Mr. Melville so begonnen hätte: "Nennt mich George."
Ich bin ganz sicher, wir würden heute unter dem Titel "Moby Dick" ein völlig anderes Buch kennen.

Einen schönen Wochenanfang wünscht

Mascha

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